Rede von Sonja Ryll am 05. Oktober 2026 gegen einen Marinehafen in Emden:
Moin!
Ich begrüße euch ganz herzlich zu unserer heutigen Kundgebung am Mahlbusen, nicht weit vom Schöpfwerk an der Knock. Ein denkwürdiger Tag, ein denkwürdiger Ort. Wird er in die Geschichte Emdens eingehen?
Vielleicht als Datum der Grundsteinlegung des Kriegshafens, vielleicht als erstes deutsches Ziel für eine Oreschnik?
Als ich gestern über meiner Rede saß, dachte ich an Herrn Pistorius und seine Kameraden, mit denen er heute die Pläne für den Kriegshafen Emden erörtern wird. Wir sind nicht geladen. Was mag er sagen? Vielleicht so?
Verteidigungsminister Boris Pistorius: Ein wunderbares Fleckchen Erde, dieser Rysumer Nacken. Welche Weite! Diese 40 ha sind wie geschaffen, um die notwendigen Anlagen für unsere und die NATO-Truppen zu schaffen. Herrlich, wie sich 7 Fregatten, 10 Minensucher, 10 Schlepper und auch noch Transportkapazitäten hier installieren lassen.
Eine Fregatte = ca. 140 m (7 x ca. 980 m)
Ein Minensuchboot = ca. 55 m (10 x ca. 550 m)
Ein Hochseeschlepper = ca. 70 m (10 x ca. 700 m)
Wir kommen der Erfüllung unseres Operationsplans Deutschland wieder ein Stück näher. Der Luftraum ist abgedeckt durch Flugabwehrraketen mittlerer und kurzer Reichweite sowie weitreichende Seeziel-Flugkörper, über und unter Wasser: Einsatzboote, Aufklärungsdrohnen, Über- und Unterwasserdrohnen, U-Boot-Jagd-Bordhubschrauber; Sonar, Sprengfallen, Kampfschwimmer, Taucher, Unterwasserminen. Freie Fläche auch für umfangreiche Übungen über und unter Wasser. Das sollte reichen. Wird Zeit, dass ich endlich den Titel Kriegsminister tragen darf. Der Pete Hegseth darf sich schon so nennen.
Gibt’s hier eigentlich Fische?
Was denkt sich wohl der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Wilhelm Tobias Abry? Ruhe für unsere Übungen. Das Quartier für die Mannschaft in Höhe von 1600 muss noch eruiert werden. Die Chance für das Anlanden und den Weitertransport von zig-Tausenden NATO-Truppen gen Osten sieht gut aus. Die Infrastruktur muss schleunigst angepasst werden. Wir haben inzwischen viele Frauen dabei, auch unter den Offizieren. Habe gehört, für Kinder sieht es schlecht aus, keine Geburtenstation, zu wenig Krippen- und Kitaplätze. Soll ja ein Klinikum entstehen. Ja, das wird.
Ministerpräsident Olaf Lies fühlt sich geehrt. Er darf dabei sein. Hier wird Geschichte geschrieben. Er weiß: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird der Standort VW Emden dichtgemacht. Hier ist die Alternative. Der Bruch seiner Versprechungen wiegt dann nicht so schwer. Das Volk vergisst schnell, wenn man ihm ein neues Stöckchen hinhält, über das es springen kann. Welche Zauberwörter greifen? Arbeitsplätze, Kaufkraft, Wertschöpfung. Na ja, 7000 gehen verloren, plus Umland, Zulieferer, Familien. 1600 kommen, ihre Security und Versorgungsunternehmen, bis zum Brötchenbäcker, bringt die Marine allerdings mit. Hmm, bisschen Schaum schlagen, dann kriegen wir das hin.
Dem Stadtkämmerer Horst Jahnke schwirren nur noch Zahlen durch den Kopf. Milliarden! In Emden! Welch großartige Perspektiven eröffnen sich. Schuldenabbau? Papperlapapp, jetzt wird richtig in die Vollen gegriffen. Denen muss man was bieten, damit sie auch zufrieden sind. Militär kann ja schnell auch mal nach hinten losgehen. Na, darüber denken wir heute mal nicht nach.
Aber wir, liebe Friedensfreunde!
Wir stehen hier, es ist unser Rysumer Nacken, es ist unsere Knock. Sie wollen uns das beliebte Erholungsgebiet nehmen. Wollen wir das? – Nein! Sie werden den gesamten Zugang zur Ems absperren und waffenstarrend bewachen. Wollen wir das? – Nein! Die Kitesurfer haben kein Übungsgelände mehr. Wollen wir das? – Nein!
Werden die Fähren, Handelsschiffe, Autotransporter andere Routen nehmen müssen?
Wird der Natur Schaden zugefügt? Wie reagieren die Tiere auf die Unterwasseraktivitäten wie Sonar, Sprengungen, Tauchmanöver?
Wozu eigentlich dieses Massenaufgebot an Waffen? Wo ist der Feind?
Fragen über Fragen. Sie antworten nicht.
Wir zählen eins und eins zusammen und wissen:
Unser Hafen, unsere Infrastruktur, unser Leben werden kriegstüchtig gemacht!
Wir werden nicht gefragt. Wir dürfen nicht entscheiden. Wir dürfen nicht über unser Leben bestimmen.
Nehmen wir ernst, was sie sagen: Sie proben tagtäglich, nicht nur in Hamburg, den Ernstfall! Sie wollen Krieg! Deutschland soll zur Führungsmacht in Europa werden. Zum dritten Mal ist Russland der auserkorene Feind, nun als Atommacht. Verdammt nochmal, guckt doch in die Geschichtsbücher, wie das jeweils endete und wie viel Leid und Zerstörung es hinterließ. Diesmal droht die Vernichtung der Menschheit! Uns hat man die Rolle der Mittäter zugedacht. Unsere Kinder und Enkel werden zu Kanonenfutter. Wir arbeiten für den Krieg, bezahlen den Krieg, mit höheren Steuern, Sozialabbau, schlechteren öffentlichen Leistungen. Sie schüren jeden Tag unsere Angst, um uns gefügig zu machen, ihre Propaganda zu verinnerlichen.
Wenn dieser Kriegshafen hier entsteht, dann sind wir Angriffsziel.
Aus die Maus. Wollen wir das? – Ich denke, nein!
Was tun? – Außer Neinsagen?
Ein Zwischengedanke.
Am Samstag wurde der 36. Tag der deutschen Einheit gefeiert. Mir fiel dabei ein Gesetz in die Hände, das am 15. Dezember 1950 verabschiedet wurde. Zitat:
Die Erhaltung des Friedens ist das dringlichste nationale Interesse und die Forderung aller demokratischen und patriotischen Kräfte des gesamten deutschen Volkes.
Die Kriegspropaganda, unter welchen Formen auch immer sie sich vollziehen möge, ist eines der schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
§1: Wer andere Völker oder Rassen schmäht, gegen sie hetzt, zum Boykott gegen sie auffordert, um die friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern zu stören und das deutsche Volk in einen neuen Krieg zu verwickeln, wird mit Gefängnis, in schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.
§ 2: Wer eine Aggressionshandlung, insbesondere einen Angriffskrieg propagiert oder in sonstiger Weise zum Krieg hetzt, wer Deutsche zur Teilnahme an kriegerischen Handlungen, die der Unterdrückung eines Volkes dienen, anwirbt, verleitet oder aufhetzt, wird mit Gefängnis, in schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.
§ 4: Wer die Verwendung von Atomwaffen oder anderen Vernichtungswaffen, wie Gift, radioaktive, chemische und bakteriologische Mittel, verherrlicht oder propagiert, wird mit Gefängnis, in schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.
§ 6 Absatz 2: ein besonders schwerer Fall liegt insbesondere vor, wenn die Tat in direktem Auftrag von Staaten, deren Dienststellen oder Agenturen begangen wird, welche Kriegshetze oder eine aggressive Politik gegen friedliche Völker betreiben. In solchen Fällen kann auf Todesstrafe erkannt werden.
Das sind Auszüge aus dem von der Volkskammer beschlossenen Gesetz zum Schutze des Friedens im Einklang mit der durch Volksentscheid beschlossenen Verfassung der DDR. Auch aus diesem Grund darf auch 36 Jahre nach dem Mauerfall nichts von der DDR bleiben.
Ich komme zurück. Was können wir tun? Mein Vorschlag:
Die Forderungen erheben nach:
- Abrüstung
- Neuen Abkommen zur internationalen Rüstungskontrolle
- Dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Atomwaffenverbotsvertrag
- Einer gemeinsamen Friedensordnung in Europa unter Einschluss Russlands
- Diplomatischen Lösungen entsprechend dem Völkerrecht
- Frieden
Und wenn man uns nicht hört? Denkt nach! Wozu haben wir unser Gehirn? Wo liegen die Ursachen für diesen Rüstungswahnsinn? Sind es nicht die Profite, die diese Gesellschaft immer wieder zum Krieg treiben? Wer macht die Profite? Warum darf er das? Besitzt er die Mittel zur Produktion der Rüstungsgüter?
Nach der Niederlage des deutschen Faschismus beschlossen die alliierten Siegermächte die Enteignung der deutschen Rüstungskonzerne, um die Wurzeln eines nächsten Krieges zu vernichten. Heute sind deutsche Rüstungsschmieden führend in Europa und realisieren seit den Geschenken, die der letzte Bundestag ihnen beschert hat, so hohe Renditen wie nie zuvor.
Warum der Aufschrei der Parteien und Medien, als die Linkspartei in Berlin mit ihrem Vorhaben, die großen Immobilienkonzerne zu enteignen, zum Wahlsieger wurde? Sollten wir nicht weitere Forderungen hinzufügen?
- Enteignung aller Rüstungskonzerne
- Verbot der Herstellung von atomaren, biologischen und chemischen Waffen
- Verbot des Exports jeglicher Waffen
Und denkt an die Köpfe. Wir müssen unsere und die unserer Kinder, Enkel, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Ärzte, Verkäuferinnen und aller Menschen, mit denen wir reden, vor dieser unsäglichen Propaganda schützen, aufklären. Das erfordert Mut. Aber ihr seid hier. Ihr seid mutig. Lasst uns die Forderung Bertolt Brechts, die er 1952 auf dem Kongress der Völker für den Frieden in New York erhoben hat, erfüllen:
Das Gedächtnis der Menschheit
Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.
Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.
Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihren Feind beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.
Das ist unser Gruß an Sie, Herr Kriegsminister, Herr Ministerpräsident, Herr Inspekteur der Kriegsmarine, Herr Stadtkämmerer.
NDR: Emden bekommt einen Marinehafen
siehe: https://www.ardmediathek.de/







